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Traumatisierte Familien

Ein Phänomen

Fast täglich habe ich in meinem Blog Aufrufe zum Thema "Verlassene Eltern".

Es gibt in unserer (Zeit-)Gesellschaft ein Phänomen: Kinder, die ihre Eltern verlassen. Diese Kinder sind keine pubertierenden Teenager, es sind in der Regel Erwachsene, die ohne ersichtlichen Grund gehen. Häufig wortlos, manchmal mit vorwurfsvollen Briefen, inzwischen auch mit einer knappen sms. Die Botschaften ähneln sich: Lass mich in Ruhe!

Die Eltern bleiben oft völlig verständnislos und geschockt zurück, die Kinder wollen sich nicht mehr erklären. Ohne Kommunikation gibt es kein Verständnis, jegliche Erklärungsversuche bleiben reine Interpretation, die Kluft scheint unüberwindbar. Kinder, die ihre Eltern verlassen, fühlen sich selbst oft unverstanden und verlassen.

Auch ich gehöre zu diesen Kindern, auch ich habe den Kontakt zu meiner Mutter weitgehend abgebrochen. Ich bin das Kind eines Kriegskindes. Es gibt viele, die mein Verhalten nicht verstehen, die urteilen und verurteilen. Es gibt einige wenige, die das Ausmaß des Dilemmas meiner Familie kennen und mich ansatzweise verstehen können. Wirklich verstehen können nur die, die es an eigener Seele erfahren haben. Es ist ein gefühltes Verstehen, schwer in Worte zu fassen.

Ich habe in meinem Blog einige Beiträge zu diesem Thema verfasst und möchte sie hier zusammenführen. Für ein besseres Verständnis untereinander.

Falls Sie gleich zu den Themengebieten möchten, klicken Sie bitte hier auf "Was Sie hier finden".

Schritte aus der Selbstverleugnung

Mein Mitgefühl gilt den verlassenen Eltern, meine Solidarität den verlassenden Kindern. Es erfordert Mut, den Schritt aus der Selbstverleugnung zu wagen, die tiefe Kluft der Entfremdung sichtbar zu machen und meistens alleine hinter sich selbst und seiner Entscheidung stehen zu müssen. Heute weiß ich - so hart dieser Schritt auch ist, er ist in vielen Fällen notwendig. Er hat wenig mit Egoismus zu tun und viel mit Haltung. Alles Gute für euren Weg in die Aufrichtigkeit.

Schritte in die Eigenverantwortung

In den ersten Lebensjahren sind unsere Eltern und Erzieher für unsere Erziehung verantwortlich. Wenn sie einen guten Job gemacht haben, dann können wir uns glücklich schätzen, weil wir dann über eine stabile und gesunde Psyche verfügen. Wenn jedoch in unserer Erziehung einiges schief gelaufen ist, dann müssen wir uns spätestens als Erwachsene fragen: Will ich immer nur meine Eltern für meine Probleme verantwortlich machen oder will ich mein Leben und meine Erziehung selbst in die Hand nehmen?

Rolf Merkle

Eine Definition von Liebe

Liebe heißt, jemanden sein zu lassen.
Diese Freiheit ist nichts Passives, sondern vielmehr verbunden mit aktiver Unterstützung und Bestärkung. Sie wollen, dass jemand, den sie lieben, sich auf seine ganz besondere Art entfalten kann, und geben ihm den Raum dazu.
Dies ist wahre Förderung.
Es ist das Gegenteil von "mit Liebe erdrücken". Wer mit Liebe erdrückt, gibt dem geliebten Menschen nicht den Raum, der zu sein, der er wirklich ist - er versucht, ihn nach seinen eigenen Vorstellungen zu formen, zu manipulieren.

John Welwood


Tipps und Anregungen

Allen Betroffenen, die über ihr eigenes Schicksal hinaus verstehen möchten, welches mentale und emotionale Erbe von Generation zu Generation weitergegeben wird, kann ich die Bücher von Sabine Bode empfehlen. Ihre Bücher beleuchten deutsche Schicksale und die Auswirkungen eines menschenverachtenden Krieges auf die Beteiligten und ihre Nachfahren. Das Dritte Reich, seine Ideologie und die Verführung eines ganzen Volkes ruhen noch lange nicht. Es rumort im Untergrund - als ein unbewusstes, verdrängtes Erbe, von dem noch viele zehren.

All denjenigen, die verstehen und etwas für sich tun möchten, kann ich The Work von Byron Katie empfehlen. In ihrem Buch "Lieben was ist" wird diese einfache und effektive Methode erklärt. Es gibt Fallbeispiele einer Mutter, die sich vom Sohn vernachlässigt und einem Sohn, der sich von seinen Eltern missverstanden fühlt. Die Klopfakupressur EFT (Emotional Freedom Techniques) hilft zur Schmerz- und Angstreduktion. Es gibt inzwischen eine Auswahl an Literatur, die Hilfe zur Selbsthilfe bietet.

Für ein tieferes Verständnis wie nicht verarbeitete Traumatisierungen in Familien ihre Kreise ziehen, kann ich die Bücher von Prof. Franz Ruppert empfehlen. Sein Buch Trauma, Bindung und Familienstellen zeigt anhand zahlreicher Fallbeispiele aus seiner psychotherapeutischen Praxis, wie Traumatisierungen mehrgenerational wirken können.

Der Blog "Kriegsursachen, destruktive Politik und Kindheit" widmet sich der Forschung von Zusammenhängen zwischen Gewalterfahrungen während der Kindheit und deren Auswirkungen auf Gesellschaft und Politik.
Im Blog "Vererbtes Trauma" finden Sie Buchbesprechungen und Beiträge zu Themen, die im Zusammenhang mit transgenerationalen Traumata stehen. Der Austausch Betroffener ist dort ausdrücklich erwünscht.

Für verlassene Eltern bietet die Homepage "Verlassene Eltern" des "Trauernetz Consolare - Trauer- und Lebensbegleitung in Krisenzeiten" eine Anlaufstelle. Hier sind Selbsthilfegruppen in deutschen Städten gelistet. Seit 2017 bietet Consolare e.V. eine offene Gesprächsgruppe für Verlassen(d)e Kinder. Sie findet jeden 1. Montag im Monat in den Räumen des Vereins statt.

Die Seite "Alter und Trauma - Unerhörtem Raum geben" (ein Auftritt der PariSozial - gemeinnützige Gesellschaft für paritätische Sozialdienste mbH in den Kreisen Minden-Lübbecke und Herford) bietet seit 2014 Informationen über Traumatisierungen durch Krieg und Gewalt. Oft bleiben diese Traumata ein Leben lang unausgesprochen und wurden verdrängt. In den letzten Jahren jedoch wurde gerade in Altenpflegeeinrichtungen erkannt, dass viele unverständlich oder übertrieben erscheinende Reaktionen alter Menschen, die ihr vertrautes Umfeld verlassen müssen und sich ungewohnten Situationen gegenüber sehen, auf Traumatisierungen zurückzuführen sind, die bereits in der Kindheit/Jugend erfahren wurden.
Die Seite wendet sich an betroffene ältere Menschen, an ihre An- und Zugehörigen, an Fachkräfte und an Institutionen. In der Mediathek finden Sie Literatur zum Thema und Hörstücke Betroffener.

Der gemeinnützige Kriegskinder e.V. - Forschung Lehre Therapie (früher: Förderverein Kriegskinder für den Frieden e.V.) setzt sich für die wissenschaftliche Friedensarbeit ein. Er fördert Forschungsprojekte, die dem wissenschaftlichen interdisziplinären und internationalen Austausch dienen. Der Verein unterstützt eine internationale Gesinnung, Toleranz auf allen Gebieten der Kultur sowie den Gedanken der Völkerverständigung und des Friedens. Der Verein bietet unter anderem eine Literatur- und Therapeutenliste. Er ist eine Schnittstelle zwischen den Generationen der Kriegskinder und der Kriegsenkel.

Das Forum Kriegsenkel bietet Interessierten und Betroffenen die Möglichkeit sich auszutauschen und sich über die Nachwirkungen des zweiten Weltkrieges bis in die dritte Generation zu informieren. Der seit 2012 bestehende Verein Kriegsenkel e.V möchte die persönlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen für die Nachfolgegenerationen der Kriegskinder verstehen lernen und verdeutlichen. Die übergeordnete Seite finden Sie auf Kriegsenkel-EU.
Beide Seiten bieten Informationen zu Treffpunkten und Seminaren für Kriegsenkel (1960 - 1975 Geborene), sowie Literatur zum Thema. Im Forum Kriegsenkel finden Sie Lebensgeschichten Betroffener.
Auf der Seite der Autorin Tina Solimann (Funkstille und Der Sturm vor der Stille) gibt es Gedanken Betroffener zum Thema Kontaktabbruch.

Für ein erweitertes Verständnis möchte ich hier die Homepage Töchter narzisstischer Mütter empfehlen, die viele Informationen rund um Narzissmus oder narzisstische Störungen in Familien birgt und das ganze Ausmaß des emotionalen Missbrauchs von Kindern durch einen Elternteil deutlich macht. Sie dürfte auch missbrauchte Söhne erhellen. Narzissmus steht hier nicht für "Selbstverliebheit", sondern als narzisstische Störung in der Definition der Schweizer Kindheitsforscherin Alice Miller "als Isolierhaft des wahren Selbst im Gefängnis des falschen".
Dr. Karyl McBrides Buch Werde ich jemals gut genug sein? eignet sich hervorragend für Töchter, die mit dem Gefühl leben, nie gut genug zu sein. Es deckt die Gesichter von mütterlichem Narzissmus und dessen Folgen auf und gibt Anleitungen zur Auflösung des narzisstischen Erbes.

Diese Empfehlungen können nur ein kleiner Ausschnitt an Verständigungsmöglichkeiten sein (Mehr finden Sie im Menüpunkt "Mehr" zu "Mehr über Traumatisierte Familien", "Traumatisierte Gesellschaften" und "Mehr Tipps und Anregungen"). Das Feld an Methoden, Literatur, Seminaren, Therapeuten ist groß. Ich persönlich muss verstehen um loslassen zu können. Verstehen erfordert eine Beschäftigung mit dem Thema in größerem Umfang. Was letztendlich Heilung bringt, das darf ein jeder für sich selbst suchen und finden.

Befreiung bringt Veränderung

Wenn wir verstehen, dass die Gefühle der Kinder dieselben wie die der Eltern sind und wir Kinder diese Gefühle als Eltern weitergeben an unsere Kinder, können wir den Kreislauf durchbrechen und anfangen tatsächlich etwas zu verändern. Eine wahrhaftige Veränderung ist nur möglich, indem wir etwas in uns verändern.

Wenn wir uns von Schuldzuweisungen, Vorwürfen, Enttäuschung, Selbstmitleid, Ohmacht, Hilflosigkeit, Scham, Schuldgefühlen und Wut befreien und damit wieder in unsere Kraft kommen. Manchmal führt das über eine Phase der Trauer. Und auch wenn das nicht leicht ist, so ist es doch nötig, denn getrauert wurde in unserer Gesellschaft viel zu wenig. Es gab keine Zeit für Tränen, die Deutschen waren tüchtig und haben aufgebaut. Sie haben vorwärts geschaut. Aber irgendwann ... steht einer vor dem See der ungeweinten Tränen.


Was Sie hier finden

Sie finden hier drei Themenbereiche.


In "Verlassene Eltern und Kinder" handelt es sich überwiegend um Beiträge, in denen ich mir Gedanken mache, warum es in meiner Generation (1960 - 1975 Geborene) so häufig zu Kontaktabbrüchen zu unseren Eltern kommt.

In "Stricke lösen" geht es mehr um meine persönliche Entwicklung und Befreiung aus familiären Mustern.

In "Warum Kontaktabbruch?" schildere ich die Gründe aus der Sicht des Verlassenden Kindes.

Und hier kommen Sie zu den Themengebieten:

Kontaktabbruch - Verlassene Eltern und Kinder

Stricke lösen

Warum Kontaktabbruch?

 

 

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