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ZeitRäume

Albert Einsteins Relativitätstheorie und Quantenphysik. Wer kann sie durchdringen? Ich bin weder Physiker noch zähle ich mich zu den Genies. Aber es gibt da etwas, das taucht immer wieder auf - mit einem großen Fragezeichen. Wenn Zeit und Raum Illusion sind, wenn es Vergangenheit und Zukunft nicht gibt, wozu gibt es dann diesen illusionären Raum, in dem wir leben und wirken? Wozu sind wir hier? Sind auch wir nur eine Illusion? Werden wir geträumt? Macht unser Dasein einen Sinn?

2007 besuchte ich eine Shaolin-Kungfu-Vorstellung. Die Shaolinmönche trainieren unentwegt, ihren Körper und ihren Geist. Ihre Beweglichkeit faszinierte mich, eine bestimmte Vorführung grub sich ein.

Ein Mönch warf eine Nadel durch eine Glasplatte und brachte einen dahinterliegenden Luftballon zum Platzen. Die Platte wurde vor und nach dem Wurf von Besuchern inspiziert. Davor war sie unbeschädigt, danach hatte sie ein winzig kleines Loch. Wie ist das möglich?

Wir diskutierten diese Frage in unserem Dojo, in dem ich Kampfkunst praktiziere und unser Trainer meinte, das wäre durchaus möglich, da dieser Mönch sein Leben lang nichts anderes macht als seinen Geist zu trainieren, zu fokussieren. Um dann etwas zu vollbringen, was zwar möglich, aber eher unwahrscheinlich ist. Wer trainiert schon seinen Geist so ausgiebig? Und wozu? Was bringt es eine Nadel durch eine Glasplatte treiben zu können? Naja, es bringt nichts, außer der Zurschaustellung, dass Dinge, die als unwahrscheinlich gelten, durchaus im Rahmen des Möglichen liegen. Im Menschenmöglichen. Was ist möglich?

Unsere Gesellschaft jammert, dass es Veränderungen braucht, wenn sich aber jemand traut die Dinge anders anzugehen, als es bisher Brauch war, mögen wir das nicht und haben oft ein Problem damit. Wir misstrauen, reden schlecht oder belächeln. Ich hoffe, dass viele Menschen den Mut haben, Dinge möglich erscheinen zu lassen, die von der Mehrheit als unwahrscheinlich gesehen werden. Unwahrscheinlich deswegen, weil es bisher noch keiner geschafft hat. Vielleicht hat der Fokus gefehlt, vielleicht waren wir zu zerstreut, zu abgelenkt. Eine Generation baut auf die andere auf. Wir haben gezeigt, dass Leistung möglich ist. In alle Richtungen. Medizinisch, technisch, biologisch, sportlich. Höher, schneller, weiter. Vielleicht haben wir den Raum, der zur Verfügung steht, bereits gefüllt. Und nun geht es darum, aus der allgemeinen Zerstreuung wieder in die Fokussierung zu kommen. Worum geht es? Wozu sind wir da?

Diese Fragen kann wohl nur jeder für sich selbst beantworten. Ich vertraue darauf, dass es Antworten gibt. Andere, viele, freundliche. Vielleicht ist Menschlichkeit möglich. Vielleicht dann, wenn Nichts und Alles zusammenkommen und die Sache rund machen. Wenn keiner mehr mit sich selbst kämpfen muss, Männer nicht mehr gegen Frauen und Frauen nicht mehr gegen Männer, Menschen nicht mehr gegen Menschen und keiner mehr gegen jeden. Wenn es den Feind nicht mehr gibt. Nicht in uns und auch nicht sonstwo.

Was dann wohl passiert? Vielleicht lösen sich Zeit und Raum und Raum und Zeit auf.

Hinweis

Für mehr Übersichtlichkeit habe ich auf dieser Seite weiterführende Links aus meinen ursprünglichen Beiträgen entfernt. Möchten Sie mehr erfahren, klicken Sie bitte auf die Blogbeiträge.

 

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Weiblichkeit und Männlichkeit

Blogbeitrag vom 27. November 2012 "Weiblichkeit und Männlichkeit"

A mysterious woman
who wants to maintain
her charismatic appearance
needs to do things
no man on earth
will ever understand


Diese Zeilen habe ich heute auf der Seite von Mizzie Morawez gefunden und sie geben mir die Antwort auf eine Frage, die ich schon lange mit mir herum trage.

Ich komme gerade von einem viertägigen Kampfkunstseminar. Das Praktizieren von Karate ist im fortgeschrittenen Bereich noch immer überwiegend eine Männerdomäne und dementsprechend geprägt. Es wird behauptet, dass nicht unterschieden wird zwischen Männerkarate und Frauenkarate und doch sehe ich Unterschiede. Das Leben auf der Matte spiegelt in einem kleinen Kosmos genau das wieder, was draußen auf anderen Plätzen stattfindet. Viele Frauen, die sich der Kampfkunst widmen, haben einen großen männlichen Anteil in sich. Im Laufe der Zeit werden sie männlicher als so mancher Mann, da sie denken sich anpassen zu müssen, um mithalten zu können.

Meine Entwicklung ist gegenläufig und ich frage mich oft, wohin ich gehe. Ich musste auf die Matte, um zwischen all den Männern zu erkennen, dass ich kein Mann bin. Heute fühle ich mich weiblicher denn je und verstehe, dass ich einen anderen Weg als den männlichen gehen muss, um bestehen zu können. Es gilt den weiblichen Weg zu gehen in einer männlichkeitsdominierten Welt. Frauen erfahren in der Männerwelt immer wieder Unverständnis, das oft einer männlichen Verunsicherung entspringt, die dann versucht die Weiblichkeit klein und nichtssagend zu machen. Aber Weiblichkeit ist bezwingend. Mehr als alles andere. Haben Männer Angst davor? Ich fühle mich oft missverstanden in diesem männlich orientierten Kosmos und möchte gerne verstanden werden. Mizzie lässt mich erkennen, dass ich nicht verstanden werden muss, vielleicht sogar nicht verstanden werden kann, wenn ich meinen weiblichen Anteil leben will. Denn Frauen werden für Männer immer ein Mysterium bleiben. Vielleicht soll es so sein.


Ich sehe in dieser Welt einen großen Bedarf an echter Weiblichkeit, die sich am Gefühl statt am Verstand orientiert. Ich sehe einen großen Bedarf an Weichheit statt Härte, an Sanftmut statt Aggression, an Miteinander statt Gegeneinander, an Zärtlichkeit statt Abwehr durch Kontrolle. Es würde auch den Männern gut stehen sich zu ihrem weiblichen Anteil zu bekennen, der in jedem vorhanden ist und bisher nur den Homosexuellen zugestanden wird. Der weibliche Anteil im Mann bedeutet Güte. Und wer möchte behaupten, dass es davon genug in unserer heutigen Gesellschaft gibt? Güte bedeutet nicht gutmütig. Güte bedeutet Milde statt Häme, Verständnis statt Intoleranz, Gelassenheit statt Konkurrenz, Friede statt Kampf.

Ich kann hier nicht für Männer sprechen, ich kann für mich als Frau sprechen und ich sage: Wir Frauen brauchen echte Männer um zu unserer echten Weiblichkeit zu gelangen.  Und umgekehrt dürfte es genau so sein. Für Echtheit braucht es Ganzheit. Sprich Akzeptanz aller Anteile, die in uns sind. Ganzheit bedeutet Präsenz.

Das hat nichts mit Gleichmacherei zu tun, sondern mit Annäherung und Wertschätzung für alles, was ist und wie  es ist. Anerkennung des Unterschiedlichen aus dem sich die Anziehung und Vielfalt nährt, die den Reichtum unseres Lebens ausmacht.


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Neue Männer braucht das Land oder Sind Männer die neuen Opfer der Gesellschaft?

Blogbeitrag vom 6. Januar 2014 "Neue Männer braucht das Land oder Sind Männer die neuen Opfer der Gesellschaft?"

 
In der aktuellen ZEIT-Ausgabe gibt es einen Beitrag, der da heißt "Das geschwächte Geschlecht".
Es geht um Männer. Geschrieben ist er von zwei Frauen und er handelt von der Krise des Mannes im Kommunikationszeitalter. Davon, dass sich viel verändert hat in unserer Gesellschaft, aber nicht das Bild vom Mann, der nach wie vor nur dann attraktiv ist, wenn er Geld, möglichst viel Geld verdient. Aber nicht mehr nur das Tun ist gefragt, sondern Kommunikation, in Meetings, mit der Frau und den Kindern. Das Patriarchat hat ausgedient und keiner will mehr nur Befehlsempfänger sein. Befehle sind rational, Gespräche emotional und ohne Gefühl kommt Mann nicht weiter. Und hier liegt die Krux. Welche Gefühle und in welchem Maß darf der Mann sich leisten, um dem Anspruch eines empfindenden Wesens gerecht zu werden, ohne dabei ein Versager oder ein Weichei zu sein und damit an Attraktivität einzubüßen?

Anhand von Statistiken und Studien wird aufgezeigt, wie sehr die Männer neben den Frauen, die gefördert und unterstützt werden, verlieren.

3-mal höher als bei Frauen liegt die Selbstmordrate bei Männern.
Frauen unternehmen eher Selbstmordversuche, die Hilfeschreie sind. Männer schaffen Tatsachen und beenden damit jegliche Kommunikation.

75 Prozent aller Obdachlosen sind Männer.
Von Männern wird Gefühl eingefordert, wenn sie das aber in Form von Schwäche zeigen, mag Frau das nicht. Männer, die sich ihrem Job nicht mehr gewachsen fühlen oder ihre Arbeit verlieren, werden gerne verlassen.

2/3 aller Sonder- und Förderschüler sind männlich.
In einer amerikanischen Studie wurden die Noten von 5.800 Kindern abgeglichen mit ihren prinzipiellen Fähigkeiten beim Lesen, in Mathematik und in den Naturwissenschaften. Mädchen und Jungen waren, bis auf das Lesen, ungefähr gleich gut. Aber die Jungen hatten, verglichen mit den Mädchen, durchweg schlechtere Noten, als die Tests erwarten ließen. Den Jungen fehlen die Konzentrationsfähigkeit und die Lernbereitschaft, die ihre Lehrer erwarten und in die Bewertung einfließen lassen.

Jungen im Alter zwischen 12 - 19 Jahren verbringen unter der Woche täglich 78 Minuten mit Computer-, Konsolen- und Onlinespielen. Am Wochenende sind es 112 Minuten täglich. Mädchen spielen 33 Minuten unter der Woche und 41 Minuten am Wochenende.
Der fünfte Teil der Computerspielserie "Grand Theft Auto 5" wurde in der ersten Woche nach Erscheinen allein in Deutschland eine Million mal verkauft - fast ausschließlich an Männer.
Die Charaktere des Spiels verticken Drogen, erpressen Schutzgelder, planen Entführungen. Nach ungefähr 100 Spielstunden ist man ein reicher, zufriedener Schwerverbrecher.
Die Autorinnen nennen "Grand Theft Auto 5" Männerkitsch. Computerspiele sind für Männer das, was für Frauen Soap-Operas sind: die Möglichkeit abzutauchen in eine schöne Welt ohne fremde Erwartungen. Mit anderen Worten - Realitätsflucht.

Sie interviewen einen Fahrlehrer, der Rasern Nachhilfeunterricht gibt, einen Psychologen, der mit Männern über ihre Probleme redet, einen homosexuellen Countertenor, der sich trotz seiner hohen Stimme männlich fühlt, einen Professor für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, der Vorträge über die steigende Selbsttötungsrate bei Männern hält und mit zwei Männern, die die Krise des Mannes am unteren wie am oberen Ende der Gesellschaft darlegen.
Am unteren Ende der Gesellschaft arbeitet ein Politologe und Volkswirt. In einem Viertel in Neukölln hat er einen Förderverein ins Leben gerufen, das unter anderem ein Mentorenprogramm für Schüler anbietet:

Das Problem des 21. Jahrhunderts sind die ungebildeten Männer und Jungen - ob Einwanderer oder Deutsche ist nicht entscheidend. Die ungelernten Männer sind überflüssig geworden. Armee, Fabrik, Gewerkschaft, Kirche - dort sind sie früher untergekommen und haben gelernt, sich im Griff zu haben. Aber die Orte der Disziplin fallen heute weg. Es gibt kein gesellschaftliches Korsett mehr. Für die Jungen ist das Problem, dass keiner sie erzieht.
...
Die Jungs haben hohe Ansprüche, die sie von den vorangegangenen Generationen geerbt haben - der Mann war schließlich immer der Boss. Jetzt müssen sie lernen, damit zurechtzukommen, dass die Welt nicht so ist, wie sie das gerne hätten.

Am oberen Ende der Gesellschaft arbeitet der Inhaber einer Headhunting-Agentur für Vorstandsmitglieder und Geschäftsführer ganz wichtiger Unternehmen:

Ich hatte, als ich jung war, nur ein Ziel: Ich wollte Vorstand werden, unbedingt. Als Zwischenziel hatte ich mir vorgenommen, mit 30 Geschäftsführer zu sein, egal wo. Was für ein Motiv! Das mit dem Geschäftsführer habe ich geschafft, aber heute bin ich froh, dass ich nicht Topmanager in einem Großkonzern bin. Um nichts in der Welt möchte ich Chef von Daimler sein. Diese Leute sind total fremdbestimmt. In meinem Job lerne ich immer wieder Männer kennen, die nicht tun, was sie wollen oder was eigentlich gut für sie wäre. Wenn es eine Position zu besetzen gibt, fragen sie sich nicht, ob sie das könnten. Sie fragen sich, wie viel sie verdienen, wie viel Ansehen der Job bringt. Ich denke mir, vielleicht sind Männer so gedrillt worden über all die Jahrhunderte. Oft frage ich mich, wenn ich hier mit einem Kandidaten an diesem Besprechungstisch sitze: Woher nimmt der jetzt den Mut, zu sagen, er kann es? Bei manchen denke ich, dass sie selbst wissen, dass es nicht stimmig ist. Aber sie kommen aus der Falle nicht mehr raus. Vor Kollegen, der Familie, Freunden stünden sie als Versager da. Die Souveranität zuzugeben, dass sie in zu großen Schuhen stecken, haben nicht viele. Lieber leiden sie. Depression, Alkohol, Tabletten -diese Spirale ist gang und gäbe.


Gilt diese Beschreibung wirklich nur für die Spitzenverdiener unter den Männern dieser unserer Gesellschaft? Oder kann es sein, dass Fremdbestimmung, Druck und eine Fehleinschätzung der eigenen Fähigkeiten und Belastbarkeit mit der dazugehörigen Spirale von Betäubung überall gang und gäbe ist?

Was mir in diesem Artikel fehlt ist das Interview mit den jungen, gebildeten Männern. Mit denen, die sehen und verstehen, dass das alte Muster von "Der Mann ist der Boss" ausgedient hat. Mit denen, die an ihren Vätern erkennen, wozu es führt, wenn man sich ständig überarbeitet, schlecht ernährt, Verstimmungen betäubt, aufkeimende Krankheiten mit Tabletten im Keim erstickt, die eigene Gesundheit ruiniert für Ansehen und Prestige. Mit denen, die sehen, dass Gefühle gefordert, aber nicht wirklich gelebt werden sollen. Gefühle ja bitte, aber trotzdem schön funktionieren, damit der Wohlstand gewahrt bleibt. Mit denen, die das Dilemma spüren, die das Eis erkennen, auf das sich Mann begibt, wenn er tatsächlich seine Gefühle hochkommen lässt und vielleicht außer Kontrolle gerät. Außer Kontrolle für die Frauen, die Familie und die Gesellschaft. Wohin führen Männer ihre Gefühle? Wird es tatsächlich besser, wenn sie sich das erlauben, was gefordert wird?
Die Autorinnen fragen nach einer Männerbewegung und haben vergessen die zu fragen, bei denen sich bereits etwas tut. Mit denen, die dank G8 mittlerweile mit 18 Jahren auf den Markt geworfen werden. Mit denen, die dank Abschaffung der Wehrpflicht kein Thema mehr haben, mit dem sie sich nach der Schule auseinandersetzen müssen. Dienst an der Waffe, ja oder nein? Mit denen, die keinen Reifeprozess mehr haben dürfen, sondern sofort in ein spezialisiertes Studium mit Masterabschluss oder in ein duales Studium gedrängt werden. Mit denen, die in Führungspositionen die neuen Spitzenverdiener unserer Gesellschaft sein sollen. Und die darauf überhaupt keine Lust mehr haben. Liebe Autorinnen, habt ihr den Film "Oh Boy" verpasst?
Die Totalverweigerung und Reduktion der Bedürfnisse auf ein Minimum wird im Artikel als ein Phänomen in den neuen Bundesländern beschrieben. Das entspricht nicht den Tatsachen. Auch in den alten Bundesländern bietet das System von Sinnstiftung durch Konsum nicht mehr den Anreiz, den es mal hatte. Prestige und Ehre - wofür? Das Modell Job - Frau - Eigenheim - Familie ist nicht mehr erstrebenswert, sondern wird als Falle gesehen, die Anspruch, Huckelei, Verantwortung, Fremdbestimmung bedeutet.
Die neuen jungen, gebildeten Männer verlieren sich in virtuellen Welten, da die reale nicht mehr lebenswert erscheint. Zu viele Probleme, zu viel Anspruch, dem nicht mehr zu genügen ist. Warum also anfangen, wenn das Ende bereits sichtbar ist? Wenn man als Mann nur noch versagen kann?
Die Männerbewegung ist da, liebe Frauen. Aber nicht so, wie wir uns das denken. Da geht keiner auf die Straße und fordert lautstark seine Rechte ein, wie wir das getan haben. Da wird heimlich, still und leise verweigert. Die männlichen Bedürfnisse werden heruntergeschraubt auf einen Laptop, der es möglich macht sich mit der Internetfamilie, der Spiel-Community, zu verbinden, auf eine Bestellpizza und Red Bull. Wer nicht groß ausgeht, braucht auch keine Statussymbole zum Herzeigen. Der Held im Online-Spiel wird ohne finanziellen Aufwand aufgerüstet.

Autoren und Experten, die sich mit spezifisch männlichen Problemen befassen, werden als Revanchisten und Antifeministen gesehen.


Über den Soziologen Walter Hollstein, der der Politik vorwirft, sie habe das "angeblich so starke männliche Geschlecht vergessen" und "über Jahrzehnte hinweg nur Mädchen und Frauen gefördert" stand in der FAZ mit kaum verhohlener Verachtung: "Hollstein ist von Beruf gewissermaßen Mann".

Matthias Franz, Professor für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Mitveranstalter eines regelmäßigen Männerkongresses, befasst sich mit den besonderen Risiken, denen Jungen ausgesetzt sind, und auch mit dem Männerproblem Suizid:

Schon Jungen im Alter von 12 Jahren haben eine dreimal so hohe Suizidrate wie Mädchen. Die Dunkelziffer ist sicher noch höher - häufig werden solche katastrophalen Ereignisse ja als Unfall deklariert. Niemand interessiert sich für diese Zahlen, noch nicht einmal diejenigen kümmern sich darum, deren Aufgabe das wäre. Ich  habe wegen dieser Problemtik zwei-, dreimal ans Bundefamilienministerium geschrieben. Nie habe ich von dort in dieser Sache eine Antwort bekommen. Das Gruppenprogramm "Palme" für alleinerziehende Mütter, das wir entwickelt haben, wurde im Familienministerium dagegen sofort wahrgenommen - kurios nicht? Meiner Meinung nach gibt es ein kollektives Empathieversagen gegenüber Jungen.

Die Politik wird dann aufmerksam werden, wenn die Wirtschaft schreit, weil es keine Männer mehr gibt, die sich für Führungspositionen zur Verfügung stellen. Wenn die Männer ihre Revolte der Verweigerung nicht mehr geheimhalten können. Wenn die Steuereinnahmen sinken, weil der Prozentsatz der Männer, die sich für die Ansprüche anderer krumm legen, sinkt. Wenn keine Kredite mehr für Eigenheime und Statussymbole aufgenommen werden, weil sich die Männer nicht mehr ausliefern wollen. Wenn es keine Kinder mehr gibt, weil die Männer nicht mehr die Verantwortung für die Versorgung derjenigen übernehmen wollen. Wenn die Männer sich den Frauen entziehen, indem sie im freiwilligen Zölibat leben, weil sie erkannt haben, dass Sex das Machtinstrument der Frau ihnen gegenüber ist. Wenn die Männer sagen "Mag ja sein, dass der Mann nicht mehr der Boss ist, aber ich bin mein eigener Boss". Wenn die Männer sich jeglicher Fremdbestimmung entziehen und keinen Porsche und kein Motorrad mehr brauchen, um ihre Freiheit zu leben. Wenn sie die Sinnhaftigeit ihres Lebens in sich gefunden haben und nicht mehr im Funktionieren und darin, es allen anderen recht zu machen. Wenn sie gelernt haben es sich selbst recht zu machen. Bis dahin dürfen wir uns warm anziehen. Wer auch immer an der Gesellschaft leidet, irgendwann leidet die Gesellschaft an ihm.

 

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Perspektivwechsel

Blogbeitrag vom 08. Oktober 2013 "Mehr Bäume"

Im Kunstunterricht wurde uns einmal die Aufgabe gestellt einen Baum von unten zu malen.
Zu dieser Zeit saß ich gerne in einem der untersten Äste einer Eiche und beobachtete den Sonnenuntergang. Mich unter den Baum zu legen, gab mir eine völlig neue Perspektive.
Auf dem dicken Ast sitzend, den mächtigen Stamm in meinem Rücken und aus dem Baum heraus auf die Landschaft schauend, fühlte ich mich geborgen. Als ich auf seinen Wurzeln am Boden lag und durch die Krone in den Himmel blickte, spürte ich Aufregung.
Unser Kunstlehrer hatte für mich die Ausstrahlung eines aufbrausenden Raubvogels. Immer mit einem Rohrstock in der Hand, der ein zischendes Geräusch machte, bevor er auf dem Pult oder auch schon mal kurz vor den eigenen Händen trocken aufschlug, schärfte er meine Aufmerksamkeit. Er war ein zynischer, kluger Mann und ich habe viel aus seinem Unterricht mitgenommen.
Er lehrte mich, dass unterschiedliche Standpunkte zu den Dingen eine völlig andere Betrachtungsweise ergeben.
Er gab uns viele Baumaufgaben - die Umrisse verschiedener Baumarten zu zeichnen, die Struktur ihrer Äste und Blätter, ihre Rinde, stehende Bäume im Vergleich zu einem Baumbruch. Diese Aufgaben ließen mich Plätze im Wald suchen, wo ich lernte die Dinge auf mich wirken zu lassen. Er öffnete mir die Augen für die Schönheit und Vielfalt der Natur.
Ich stelle mich noch immer gerne unter einen Baum, schaue in ihn hinein, spüre das Leben, das durch ihn hindurchfließt, seine Eingebundenheit in einen perfekten Kreislauf und höre zu, wenn er durch den Wind in seinen Blättern spricht.

 

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Verlorene Zeit

Blogbeitrag vom 30. Januar 2014 "Verlorene Zeit"


Am Wochenende waren wir auf einer Feier eingeladen.
Ich sprach mit einer Frau über ihren Sohn, der nun studiert. Er wollte sich nach dem Abitur ein Jahr Zeit lassen, aber der Vater war der Meinung, das wäre verlorene Zeit. "Sohn, du verlierst ein ganzes Jahr".

Unsere Tochter gehörte zum letzten G9-Jahrgang in Bayern, im Anschluss an das vorgezogene Abitur im März hätte sie sich nahtlos ins Sommersemester an der Universität einschreiben können. Sie brauchte eine Phase der Orientierung, des Luftholens und ging im Herbst zum Studieren. Zwei ihrer Großelter meinten, sie hätte nun "ein halbes Jahr verloren".

Am Montag hatte ich ein Gespräch mit einem Freund, der meinte, es würde ihn wütend machen, wenn er seinen Sohn anruft, fragt was er tue und dieser antwortet "Ich chille". Chillen ist das Antiwort schlechthin, es stehe für nichts anderes als Faulheit. Faulheit ist für manche Generationen sehr negativ belegt, Faulsein ist schlecht, für die junge Generation ist Chillen das größte schlechthin. Chillen ist positiv belegt. Es bedeutet sich eine Auszeit zu nehmen. Auszeit ist verlorene Zeit. Die Jugend verliert gerne Zeit.

Diese Aussagen lassen mich fragen "Welche Zeit geht verloren in all den Momenten, in denen wir leben, was auch immer wir tun, während wir leben?". Was ist verlorene Zeit? Zeit, die wir verpasst haben Geld zu verdienen, uns zu bilden, zu arbeiten, in die Rentenkasse einzuzahlen? Können wir Zeit überhaupt verlieren? Vergeht sie nicht einfach ungeachtet dessen, ob wir etwas tun oder nicht? Wenn wir Zeit verlieren können, können wir sie dann auch gewinnen? Wenn wir etwas noch schneller tun als alle anderen, haben wir dann einen Zeitgewinn? Und was dürfen wir tun mit der gewonnenen Zeit?

Gestern hörte ich die Geschichte einer jungen Frau, die keine Zeit verlor ein 1,2 Abitur zu machen und im Anschluss ein ähnlich gutes Staatsexamen. Als Referendarin war sie auch gerne gesehen, als es dann um eine Festanstellung als Gymnasiallehrerin ging, war keine zu finden. So lange nicht, dass sie sich nun dafür entschied irgendeine Arbeit zu tun, die sie Geld verdienen lässt. Was ist nun mit der Zeit, die sie nicht verloren hat? Und hat sie etwas dabei gewonnen? Was könnten die sagen, die darin übereinstimmen, dass sie fleißig und schnell war und keine Zeit verloren hat? Dass sie weder gechillt hat, noch faul war.

Haben die grauen Herren ganze Arbeit geleistet?

 

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Robert Gwisdek - Vertreter einer neuen männlichen Generation

Blogbeitrag vom 8. April 2014 "Robert Gwisdek - Vertreter einer neuen männlichen Generation"


Letzten Sonntag schickte mir eine sehr geschätzte Person den link zu einem Video.

Zu sehen ist ein Interview mit Robert Gwisdek, Sohn der Schauspieler Michael Gwisdek und Corinna Harfouch, selbst Schauspieler, Musiker, Kurzfilmemacher, Lyriker und nun auch Schriftsteller. Im Interview geht es um sein Buch "Der unsichtbare Apfel" und Igor, der Hauptfigur, die in einem Selbstversuch durch Isolation, Dunkelheit und Geräuschlosigkeit den eigenen Geist an Nichtinformation zerschellen lassen will , damit er aufhört Formen zu bauen und sich hingibt.

Interessant für mich wird es gegen Ende des Interviews.

Robert Gwisdek auf die Frage "Kreist denn jeder Mensch vor allem um sich selbst?"

Ich finde unsere Generation hat geradezu die Pflicht sich mit sich selbst zu beschäftigen, weil die ganzen Generationen davor keine Zeit hatten und wir dieses Privileg haben die Ressourcen dafür zu haben.Wenn alle Menschen so darüber schimpfen, oder viele, wir leben in einer Gesellschaft, jeder therapiert sich selbst und macht tausend Selbsthilfekurse, das sind alles so Weicheier und Depression und Schnickschack und früher war man viel praktischer veranlagt, ich finde da übersieht man den Kontext, aus dem jede einzelne Generation kommt. Meine Großeltern haben zwei Weltkriege überlebt, da gibts nix mit Depression, da wirst du ausgelacht für, und dann gibts die erste Generation, die 68-er, die natürlich im Gegensatz zu unserer Generation viel konkreter aussieht, von außen viel tatkräftiger, dass sie jetzt wirklich einen gesellschaftlichen Wandel herbeiführen will, aber das hängt auch damit zusammen, dass sie die erste - ähm - so radikal wie die sich von ihrer Elterngeneration abgewendet haben, das müssen wir nicht mehr machen. Denn das sind unsere Eltern, ein Stück weit, wir können quasi mit unseren Eltern in einem freundschaftlichen Bund stehen bleiben und versuchen einen neuen Schritt zu machen und dieser wirklich neue Schritt erfordert so viel Aufräumarbeit, psychologisches Aufräumen, Wegschmeißen jahrtausendalter merkwürdiger Strukturen, die wir, glaube ich, auch mitnehmen, wenn wir geboren werden, ohne dass wir dafür viel Input brauchen. Das ist in unseren Zellen, wie viel Schmerz da gespeichert ist. Und deswegen habe ich nichts dagegen, wenn wir jetzt mal zwei- drei Generationen lang Leute sind, die depressiv in der Ecke sitzen und sagen "Ich brauche eine Therapie und ich habe Burn-out-Syndrom", bis sich das alles mal regeneriert, weil der Mensch hat eine krasse Geschichte hinter sich. 2000 Jahre lang, länger war das nur Angst, nur Angst, Angst Angst Angst Angst ...


Das ist die Beschreibung einer gefühlten transgenerationalen Traumatisierung.
Robert Gwisdek ist 30 Jahre alt und gehört, für mich, zu einer neuen Generation von jungen Männern, die einen anderen, einen neuen Weg suchen.
Über sich selbst sagt er:

Nichtstun ist wirklich eines meiner hartnäckigsten Hobbies, konzentriertes Nichtstun, Meditation sozusagen. Es ist wirklich sehr spannend -radikales Nichtsmachen.

Trotz all des konzentrierten Nichtstun tut es ihm gut sehr unterschiedliche Dinge zu tun und zu untersuchen. Seine Kreativität entsteht aus der Stille.

Kommentar von gerhardtaro (lädt Videos auf youtube hoch) "nichts tun, um dann hochleistungen zu vollbringen. das lässt unsere kultur alt aussehen. ich vermute, ich weiß, er hat recht."

Kommentator des eingestellten Videos "Robert Gwisdek ist besessen von der Erkundung des Universums und unserer Existenz. Ihn bewegen die Fragen - Was ist Realität? Was ist Existenz?"

Zu meiner Generation wurde gesagt "Aus der Langeweile gebiert sich die Kreativität". Langeweile ist ein passiver Zustand und in der Langeweile entsteht die Frage "Was könnte ich tun, um mich nicht mehr zu langweilen?". 
Was gebiert sich aus aktivem Nichtstun ohne die Frage, was getan werden könnte?
Was geht aus einer Generation hervor, die sich in der Pflicht zur Depression sieht? 
Tut diese Generation, die augenscheinlich nicht viel tut, viel mehr als ersichtlich ist?

Tut diese Generation durch Nichtstun etwas, was die vorherigen Generationen vor lauter Tun nicht tun konnten?

Nachdem mein Mann gestern diesen Beitrag gelesen hatte, meinte er, ihm würde ein Abschluss fehlen.
Ich habe diesmal keinen Abschluss, ich habe auch keine Antworten auf meine gestellten Fragen. Ich weiß nur, dass eine Veränderung stattfindet, es ist mehr ein gefühltes Wissen. Und ich fühle, dass diese Veränderung anders ist als das, was ich bisher kenne. Sie basiert nicht auf Aktionismus, wie wir das seit Generationen gewohnt sind. "Schaffe, schaffe, Häusle baue" ist vorbei. Sie basiert auch nicht auf wissenschaftlichen Erkenntnissen, denn auch die Wissenschaft befindet sich oft auf dem aktuellen Stand des neuesten Irrtums. Aktionismus, Materialismus, rein logische Erkenntnisse - daran haben wir lange genug geglaubt. Es braucht etwas Neues, etwas das noch nicht gelebt wurde. Etwas, das Pioniere braucht, die zeigen, dass es machbar ist. Es braucht immer Pioniere mit einer Vision, die sich nicht von Bedenkenträgerei abbringen lassen. Die einfach ihren Schritt gehen, damit der nächste den weiteren Schritt gehen kann. Heute vielleicht in eine Richtung, die (noch) unmöglich scheint. Ich persönlich habe mich entschieden aufzuhören zu jammern über das Wetter, Ungerechtigkeit und das Leben allgemein (ich bin in Übung). Ich möchte meinen Blick dorthin richten, wo etwas Neues entsteht. Es braucht eine Veränderung, wir brauchen Veränderung. Menschtum statt Eigentum. Ich bin dabei. Und versuche jeden Tag meinen Horizont ein bisschen weiter zu schieben. Weg von einengenden Gedanken, Überzeugungen, Vorurteilen. Hin zu mehr Offenheit, Toleranz, Akzeptanz. Das ist ein gutes Stück Arbeit. Ich denke es ist es wert.

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Einatmen - Ausatmen

Blogbeitrag vom 3. Februar 2014 "Einatmen - Ausatmen"

 

It's very important that we re-learn the art of resting and relaxing. It allows us to clear our minds, focus, and find creative solutions to problems.

~ Thích Nhất Hạnh

Lange Zeit habe ich nicht wirklich gewusst, dass nach jeder Phase der Anspannung eine Phase der Entspannung folgen sollte. Warum? Wofür soll das gut sein? Powern, powern, powern. Das ist gut. Als mir jemand sagte, dass mein Feuer zum Kamin rauslodert und ich mich nicht wundern brauche, wenn ich eines Tages nichts mehr zum Nachlegen habe, lachte ich.
Erst als ich anfing Kampfkunst zu praktizieren und mit fernöstlicher Lebensanschauung in Kontakt kam, erhielt ich eine Ahnung, warum es wichtig ist, richtig einzuatmen und auch richtig auszuatmen. Ich musste es über meinen Körper erfahren, der Verstand konnte es nicht erfassen, denn immer auf Hochleistung zu laufen, das ist gut. So wurde es mir beigebracht. Sei fleißig, sei schnell, sei gut, sei besser. Am Besten die Beste. Faulsein ist unnütz, bringt nichts, macht träge.

Die Mutter aller Kampfkünste ist Kungfu.
Auch unser Karatestil basiert auf dem Kungfu-Stil Pangai Noon, was "halb hart und halb weich" bedeutet. Wir Deutschen können hart. Was uns wirklich entsetzlich schwer fällt, ist weich. Wir gehen ins Fitnessstudio und trainieren Muskeln. Muskeln sind gut, aber nicht, wenn sie nicht elastisch sind. Ohne Elastizität machen Muskeln unbeweglich. Sie sehen toll aus, sind aber nicht gut im Gebrauch. Ihnen fehlt die Schmiere, die die Dehnfähigkeit erhält.
"Wie ein Bambus im Wind". Das ist die Metapher für Resilienz. Eine Fähigkeit, die in aller Munde ist. Wir lernen das aber nicht. Weder körperlich, noch geistig. So eingeschränkt wie unsere Muskulatur, so eingeschränkt ist auch oft unser Geist.
Mit Praktizieren des Karate-Do habe ich verstanden, dass die Dynamik erst aus dem Zusammenspiel von Lockerlassen und Anspannung in letzter Sekunde kommt. Wer es schafft, die Kraft nicht aus den Muskeln zu holen - was auf Dauer enorm anstrengend ist - sondern aus seinem Zentrum, und dabei auch noch weich bleiben kann, dessen Technik kommt explosiv.
Hart können wir alle, Kraft haben wir, aber das Weichsein, das Entspannt sein, das Lockersein, das erfordert Übung. Wenn wir Energie nicht verschwenden wollen, gilt es das Gelassensein zu trainieren. Erst dann ist es möglich, die Kraft gebündelt auf den Punkt explodieren zu lassen. Im Karate nennt man das Kime. Asiaten haben dieses Verständnis und Meister trainieren Jahrzehnte. Uns fehlt dieses Verständnis und es ist fraglich, ob ich es jemals beherrschen werde. Ich trainiere, ungeachtet dessen, ob ich es schaffe oder nicht. Dafür braucht es Spirit.

Ich wünsche euch guten Spirit und gutes Kime.

 

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Jetzt

Blogbeitrag vom 7. Februar 2014 "Jetzt"

Gestern las ich einen interessanten Artikel. Geschrieben von einem niederländischen Regressionstherapeuten, der über das schreibt, was mich schon seit längerem beschäftigt.
Ich war nicht gut in Physik und kann nicht behaupten, dass ich Einsteins Relativitätstheorie durchdringe, aber die Theorie, dass Zeit und Raum lediglich Illusion sind, die ist hängengeblieben und beschäftigt mich. Wenn ich es richtig verstanden habe, erschaffen wir ein Erfahrungsfeld, indem wir den Moment, in dem alles ist, aufspalten in zwei Punkte a und b (oder in 3 Dimensionen, Höhe Breite Tiefe). Dieses Feld zwischen a und b ergibt einen Raum, das was passiert, wenn wir von a nach b gehen, nennen wir Zeit. Unser Erfahrungsfeld umfasst also diesen Gang von a nach b in einer gewissen Zeit. Erinnerung ist das, was hinter uns liegt - Vergangenheit. In unserer Erinnerung knüpfen wir an einem Punkt an, der hinter uns liegt. Das was vor uns liegt, die Zukunft, können wir nicht erkennen, da sie sich aus dem ergibt, was wir jetzt tun.

Regressionstherapeuten beschäftigen sich mit "alten Leben". Falls man an das Modell der Wiedergeburt glaubt, können wir uns nicht nur an das erinnern, was in diesem Leben stattfand, sondern auch an das, was in vorherigen passierte. Die These ist, dass viele undefinierbare Gefühle, wie Ängste, aus einem früheren Leben stammen und heute noch Vermeidungstaktiken auslösen. "Gebranntes Kind scheut das Feuer". Wenn wir in unserer Geschichte zurückblicken, war es nie besonders lebenserhaltend, wenn wir rebellierten, die Wahrheit sprachen, Kräuterkunst vertrauten, widersprachen, nicht dienen, nicht konform gehen wollten. Falls es das Modell der Wiedergeburt gibt, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass ein jeder von uns in einem "alten Leben", aufgehängt, erschossen, zu Tode gefoltert, verbrannt, misshandelt wurde, weil er irgendetwas nicht einhielt. So wie uns auch in unserem jetzigen Leben eher die Erfahrungen prägen, die uns verletzen, so ist das dann wohl auch mit der "Vergangenheit" hinter der jetzigen Vergangenheit. Höhenangst kann eine "alte Erinnerung" an eine Erfahrung sein, zu der wir in diesem Leben keinen Bezugspunkt finden. Weil wir in einem "alten Leben" von einem Turm geworfen wurden. Wir scheuen die Höhe, weil die Erfahrung des Todes damit verbunden ist. Das kann in Panik münden.

Wie gesagt - das ist eine Hypothese. Daran mag man glauben oder nicht.
Ich finde die Idee spannend und war bereit zu experimentieren. Heute weigere ich mich von "alten Leben" zu sprechen. Das hat viele Gründe. Ein Grund ist, dass diese "Bilder" (wie ich sie heute nenne) aus meinem Gefühl heraus entstanden. Sie hatten so immer einen Bezugspunkt zu meinem jetzigen Leben. Diese "Bilder" sind für mich Metaphern oder Filme, die sich aus meinem persönlichen Gefühl heraus kreieren. Da ich viel Fantasie habe, schrieb ich die tollsten Drehbücher. Man kann sehr viel hineininterpretieren in die Rollen, die man in so "alten Leben" spielt. Hier ein kleines Licht, in der Vergangenheit der große Zampano. Das birgt die Gefahr zum Abheben.

Es gab "Bilder", die mich sehr beschäftigten, da ich wusste, sie haben etwas mit meiner jetzigen Situation zu tun. Damit, dass ich etwas nicht erkennen kann, weil ich zu nahe dran bin. Je surrealer die Filme waren, die vor meinem inneren Auge abliefen, desto greifbarer wurde für mich der Kern der Sache. Das Gute an diesen "Filmen" ist, dass wir sie bis zum Ende abspulen und so fast einen Blick in unsere "Zukunft" werfen können. In meinen "Filmen" gab es einen Punkt, an dem ich von meinem Weg abkam, was ich, in der Regel, mit meinem Leben bezahlte. Für mich galt es diesen Punkt zu finden, WANN und WARUM ich abkam. Was mir half, war das Gefühl meiner damaligen "Todeszeitpunkte". Sie waren immer mit Scham verbunden. Auch in diesem Leben schämte ich mich entsetzlich. Ich hatte "damals" entweder nicht die Aufgabe erfüllt, mit der ich angetreten bin oder ich habe mich von der Aufgabe, die ich für mich entwickelt hatte, abbringen lassen. Es hat gedauert, bis ich für mich dahinterkam, was die Auslöser waren und noch immer sind.
Das eine ist das fehlende Bewusstsein dafür, dass ich als Mensch die Fähigkeit der Entscheidung habe. Ich kann mich für oder gegen etwas entscheiden. Ich kann etwas tun oder lassen. Die Konsequenzen aus meinem Tun oder Nichttun trage ich.
Das andere ist die Tatsache, dass ich der Schmeichelei verfalle.
In dem Moment, in dem ich mir nicht meiner Entscheidungsfähigkeit bewusst bin oder der Tatsache, dass mich Schmeichelei im Sinne eines anderen dirigiert, verlasse ich die Loyalität mir selbst gegenüber. Und das ist es, was mich am meisten leiden lässt. In diesem Leben.
Ob ich das ohne diese "Bilder" herausgefunden hätte? Ich weiß es nicht. Ich bin froh und dankbar, dass mir diese Option gezeigt wurde. Es ist eine Möglichkeit unter vielen, nicht mehr und nicht weniger.

Da ich diese "alten Leben" ziemlich "unheilig" betrachte, habe ich ein weiteres Experiment durchgeführt. Ich habe die Drehbücher zu meinen Filmen umgeschrieben. Schließlich bin ich Drehbuchschreiber, Regisseur, Kostümbildner, Kulissenschieber und Schauspieler in einem. Wer also sollte mich davon abhalten vom Drama Abstand zu nehmen und dem Film ein Ende zu geben, das mich gut fühlen lässt. Und so habe ich den Film an den Punkt zurückgespult, an dem ich die Loyalität mir selbst gegenüber verließ und drehte den Film so, dass er in Loyalität mir selbst gegenüber endete. Das war nicht immer ein glückliches Ende, aber die Scham war vorbei. Darum ging es.

Zurück zu Einsteins Relativitätstheorie.
Wenn es keine Vergangenheit und keine Zukunft gibt, sondern nur den Augenblick, wie kann es dann alte Leben geben? Oder zukünftige? Wenn ich meine Zukunft verändern kann, indem ich mich heute anders entscheide als gestern, warum nicht die Gegenwart verändern, indem ich mich in der Vergangenheit anders verhalte? Kann ich als "jetziges Ich" "back to the future" und meinem "damaligen Ich" einen Rat aus der "Zukunft" geben, die sich als Jetztzeit herausstellt und damit meine "Zukunft" verändern? Weil ich heute einen besseren Überblick habe? Und kann ich dann auch als "Ich aus der Zukunft" mir heute schon Ratschläge geben, wie ich mich in diesem Leben verhalten könnte, so dass es gut für mich ausgeht? Hören wir nicht manchmal eine Stimme, die uns ganz klar von innen heraus sagt, was zu tun und was zu lassen ist? Ist Intuition unsere Stimme aus der Zukunft? Die, die einen besseren Überblick auf unser Leben heute hat, als wir haben könnten, weil wir mittendrin sind?
Und was ist dann mit dem Konstrukt von Ursache und Wirkung?
Kann ich durch klare Entscheidung und Visualisierung meinen Bezugspunkt in der Vergangenheit ändern und somit auch meine Gegenwart? Und welche Auswirkung hat das auf die Menschen, mit denen ich verbunden bin?

Es gibt Dinge, die können wir nicht ändern. Schicksalsschläge.
Was wir ändern können, sind die Gefühle, die sie in uns auslösen und die uns leiden lassen. Eine der Methoden, die ich lernte und die mich überzeugt, ist die "Innere Kindarbeit". Sie ist nichts anderes als das "Arbeiten in alten Leben". In diesem Fall unser "altes Leben" als Kind, das wir denken hinter uns gelassen zu haben. Wir spüren Anteile von uns auf, die eine schlechte Erfahrung gemacht haben. Als Kinder in diesem Leben. Aber wer weiß? Vielleicht sind traumatische Kindheitserfahrungen aus diesem Leben Erinnerungen an Bezugspunkte davor? In der "Inneren Kindarbeit" gehen wir in die Momente, in denen wir verletzt wurden und Gefühle wie Ohnmacht, Scham oder Minderwert entwickelten. Aus einer übergeordneten Sicht und in Verbindung mit unserem "jetzigen Ich", das weiß, dass es diese Situation gemeistert und überlebt hat, können wir besser verstehen und sehen, was falsch lief. Und dann schreiben wir das Drehbuch um. Denn wenn Vergangenheit und Zukunft Illusion sind, dann gilt das Jetzt und im Jetzt können wir kreieren. Eine Geschichte, in der wir uns gut fühlen, ungeachtet dessen, was war und was sein wird.
Dieses Gefühl im Hier und Jetzt ist wichtig.
Die Gehirnforschung hat herausgefunden, dass "Erinnerungen" nicht immer ganz zuverlässig sind. Sie wandeln sich - je nach unserem Bezugspunkt. Geschichte ist dann Geschichte, wenn sie festgehalten ist in Wort und Schrift. Aber - ist es wirklich so gewesen? Und wann kann Geschichte beschrieben, Zusammenhänge erfasst werden? Wenn fünf Schreiber dieselbe Begebenheit beschreiben, würden sie das alle gleich tun? Gäbe es Abweichungen? Es gibt Fakten, die können belegen. Was nicht belegt werden kann, unterliegt der Interpretation.

An mein Büro grenzt eine kleine Kammer. Ich nenne sie "Nostalgiekammer". Dort sammle ich an Schnüren alle kleinen und großen Liebesgrüße und Dankschreiben. Auch ein Schild hängt dort, darauf steht "Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit".
Wenn es Vergangenheit und Zukunft nicht gibt, wenn Zeit und Raum lediglich ein Erfahrungsfeld schaffen, das, was unsere Gefühle betrifft, unserer persönlichen Auslegung unterliegt, dann kann es auch nicht zu spät sein für eine glückliche Kindheit.

Was ich hier beschreibe ist wissenschaftlich nicht fundiert, nicht belegbar, nicht erwiesen, nicht bewiesen. Es ist eine Idee. Und ein Experiment.


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